Elke Habekost
Elke Habekost
Redakteurin
Lesezeit:
13 Minuten
Veröffentlichungsdatum
31.07.2026
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Dr. Jasmin Last über die Perimenopause: “Eine Hormontherapie kann für viele Frauen ein Gewinn an Lebensqualität sein”
Frauengesundheit

Dr. Jasmin Last über die Perimenopause: “Eine Hormontherapie kann für viele Frauen ein Gewinn an Lebensqualität sein”

Dr. Jasmin Last über die Perimenopause: “Eine Hormontherapie kann für viele Frauen ein Gewinn an Lebensqualität sein”

Die Menopause ist für viele Frauen ein Begriff, doch erst seit einigen Jahren rückt auch die Perimenopause immer weiter in den Fokus. Denn diese beginnt häufig schon mit Ende 30. Was genau dahintersteckt und wie man ihr entgegenwirken kann, hat Ärztin und Longevity-Expertin Dr. Jasmin Last im Interview verraten.



Der Begriff Perimenopause wird immer geläufiger, und dennoch hören viele Frauen ihn erst, wenn sie bereits mittendrin stecken. Warum wissen wir über diese Lebensphase immer noch so wenig?

Weil sie lange durch alle Raster gefallen ist. Die Perimenopause ist die Phase, in der die Hormone anfangen zu schwanken, oft schon Ende dreißig bis Mitte/Ende vierzig, Jahre bevor die letzte Regel kommt. Sie ist keine Krankheit, also taucht sie in keiner Vorsorge auf. Sie ist keine reine Frauenheilkunde-Frage, denn sie betrifft Herz, Kopf, Knochen, Stoffwechsel, also fühlt sich keine Disziplin so wirklich zuständig. Und sie ist unbequem messbar, weil die Hormonwerte gerade in dieser Zeit von Tag zu Tag springen. Ein einzelner Blutwert sagt hier oft wenig.

Dazu kommt ein historisches Erbe: Frauen waren in der medizinischen Forschung über Jahrzehnte unterrepräsentiert, aus Sorge, der Zyklus könnte die Ergebnisse „stören“. Man hat also ausgerechnet das, was diese Lebensphase ausmacht, aus den Studien herausgehalten. Interessanterweise ist das Thema in den USA gerade mit voller Wucht im Mainstream angekommen, in Talkshows, in Longevity-Kreisen, bis hinauf zur Zulassungsbehörde. Bei uns ist dieses Thema noch immer beinahe ein Tabu-Thema. Dabei betrifft es, nüchtern betrachtet, die Hälfte der Menschheit.



Viele Frauen schieben ihre Beschwerden auf Stress oder das normale Älterwerden. Welche Warnsignale werden Ihrer Erfahrung nach besonders häufig übersehen?

Am häufigsten die, die man nicht sofort mit den Hormonen in Verbindung bringt. Das klassische Bild sind Hitzewallungen, aber die kommen oft erst spät. Viel früher melden sich Schlaf und die Psyche: das nächtliche Wachliegen um drei Uhr, eine neue innere Unruhe, Reizbarkeit, manchmal eine Ängstlichkeit, die man an sich gar nicht kennt, dieses Gefühl „nah am Wasser gebaut zu sein“. Das wird schnell als Erschöpfung oder als beginnende Depression eingeordnet, und die eigentliche Ursache bleibt im Dunkeln.

Dazu kommt eine ganze Reihe körperlicher Signale, die selten zugeordnet werden: Herzrasen ohne erkennbaren Grund, Gelenkschmerzen, ein Kopf, der sich vernebelt anfühlt, Zyklen, die kürzer oder unregelmäßiger werden. Jedes für sich wirkt harmlos oder wie ein anderes Problem. Erst zusammen ergibt sich ein Muster. Mein Rat: Wenn sich ab Anfang vierzig mehrere Dinge gleichzeitig verändern, lohnt es sich, die Hormone einmal mitzudenken, statt jedes Symptom einzeln abzuhaken.



Die Symptome sind ja sehr weitläufig: Schlafstörungen, Brain Fog, Stimmungsschwankungen, Herzrasen, Gewichtszunahme. Warum ist die Perimenopause ein so gutes „Chamäleon“?

Weil Östrogen und Progesteron keine reinen „Zyklushormone“ sind, auch wenn man sie gern darauf reduziert. Ihre Rezeptoren sitzen praktisch überall: im Gehirn, an den Gefäßen, im Herzen, in den Knochen, im Darm, in der Haut. Wenn diese Hormone anfangen zu schwanken, kann es folglich überall zugleich rumoren. Deshalb sieht die Perimenopause mal aus wie ein Schlafproblem, mal wie eine Herzenssache, mal wie eine psychische Verstimmung, mal wie ein Stoffwechsel-Thema.

Und genau hier liegt die Tücke unseres Systems: Die Frau mit Herzrasen landet beim Kardiologen, die mit Gelenkschmerzen beim Orthopäden, die mit gedrückter Stimmung beim Psychotherapeuten. Jeder schaut auf sein Feld, keiner auf das Ganze. Dabei bräuchte es genau das Gegenteil, nämlich Fachleute, die endlich einmal gemeinsam für einen Menschen denken, statt nebeneinanderher. Das ist der Grundgedanke, aus dem heraus wir Beyond Longevity aufgebaut haben.



Sie betrachten die Perimenopause nicht nur als hormonelle Umstellung, sondern als entscheidende Phase für die langfristige Gesundheit. Warum kann gerade diese Zeit die Weichen für die nächsten Jahrzehnte stellen?

Weil in diesen Jahren mehrere Kurven gleichzeitig kippen. Solange Östrogen in vollem Umfang da ist, wirkt es wie ein stiller Schutz: Es hält die Gefäße elastisch, unterstützt den Knochen, den Zuckerstoffwechsel, das Gehirn. Fällt dieser Schutz weg, beschleunigt sich vieles auf einmal. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, die Knochendichte beginnt schneller zu sinken, Muskelmasse geht leichter verloren, das Fett verteilt sich um.

Man kann sich das wie eine Weiche vorstellen. Was eine Frau in den Jahren um die Menopause tut oder unterlässt, entscheidet mit darüber, auf welchem Gleis sie die nächsten zwei, drei Jahrzehnte fährt. Das ist keine düstere Nachricht, im Gegenteil: Es ist ein Fenster. Wer diese Phase bewusst gestaltet, mit Bewegung, Muskel, Schlaf und, wo sinnvoll, gut ausgewogener Hormontherapie, legt das Fundament dafür, möglichst lange möglichst gut zu leben.



Viele Frauen erzählen, dass sie sich die Diagnose und Behandlung regelrecht selbst erarbeiten mussten. Warum müssen Patientinnen hier häufig noch die Initiative übernehmen?

Das hat mehrere Gründe, und keiner davon ist ein Vorwurf an die einzelne Ärztin oder den einzelnen Arzt. Die Wechseljahre kommen, zumindest meiner Kenntnis nach, im Medizinstudium bis heute kaum vor. Wer in der Sprechstunde zehn Minuten Zeit hat, kann ein diffuses Bild aus Schlaf, Stimmung und Zyklus schwer entwirren. Und über der ganzen Frage liegt bis heute ein langer Schatten, nämlich die Verunsicherung durch eine Studie aus dem Jahr 2002, über die wir gleich noch sprechen werden. Sie hat eine ganze Generation von Behandlern vorsichtig, um nicht zu sagen ängstlich gemacht.

Das Ergebnis ist paradox: Ausgerechnet bei einem Thema, das jede Frau betrifft, muss die Patientin oft selbst die treibende Kraft sein, sich informieren, nachfragen, manchmal mehrere Anläufe nehmen. Das sollte nicht so sein. Aber solange es so ist, ermutige ich jede Frau, gut vorbereitet und beharrlich in dieses Gespräch zu gehen.



Was müsste sich in der medizinischen Versorgung ändern, damit Frauen früher und besser begleitet werden?

Dreierlei, würde ich sagen. Erstens gehört die Perimenopause fest in die Ausbildung und in die Leitlinien, nicht als Randnotiz, sondern als eigenes Kapitel. Zweitens braucht es Zeit und einen vorausschauenden Blick: Statt zu warten, bis eine Frau mit fünf Beschwerden erschöpft in der Praxis sitzt, könnte man das Thema ab Ende dreißig, Anfang vierzig aktiv ansprechen und eine Standortbestimmung machen. Drittens, und das ist mir das Wichtigste, braucht es echtes interdisziplinäres Denken.

Mein Bild dafür ist das Longevity-Board, ähnlich einem Tumor-Board in der Klinik: verschiedene Fachrichtungen, die gemeinsam für eine Frau denken, statt sie von Tür zu Tür zu schicken. Und schließlich muss die Bewertung der Hormontherapie endlich auf dem aktuellen Stand ankommen. In den USA ist genau das gerade passiert. Bei uns hinkt die Debatte noch hinterher.



Über Östrogen wird viel gesprochen, oft aber sehr verkürzt. Welche Aufgaben übernimmt Östrogen tatsächlich im Körper, weit über den Menstruationszyklus hinaus?

Weit mehr, als sein Ruf als „Zyklushormon“ vermuten lässt. Östrogen ist im Grunde ein systemisch wirksames Schutzhormon. Im Gehirn ist es an Stimmung, Gedächtnis und Schlaf beteiligt. An den Gefäßen hält es die Innenwände geschmeidig und wirkt dem Verkalken entgegen. Am Knochen bremst es den Abbau und hilft, die Dichte zu halten. Im Stoffwechsel verbessert es die Insulinempfindlichkeit und beeinflusst, wo der Körper Fett einlagert. Und es wirkt an Haut, Schleimhäuten und dem gesamten Urogenitaltrakt.

Wenn man das nebeneinander legt, versteht man sofort, warum sein Rückgang so viele Systeme gleichzeitig berührt. Östrogen fällt nicht einfach ein Hormon für die Fruchtbarkeit weg, sondern ein stiller Mitspieler in nahezu jedem Organ. Das ist auch der Grund, warum die Perimenopause eben nicht nur „ein paar Hitzewallungen“ sind.



Progesteron steht oft im Schatten des Östrogens. Welche Rolle spielt es in der Perimenopause, und warum kann gerade sein früher Abfall viele Beschwerden erklären?

Progesteron ist der leise, oft übersehene Partner, und häufig derjenige, der zuerst nachlässt. Schon in der frühen Perimenopause finden viele Zyklen ohne Eisprung statt, und ohne Eisprung wird kaum Progesteron gebildet. Das Östrogen ist dann oft noch reichlich da, das Progesteron aber schon knapp. Diese Schieflage erklärt einen großen Teil der frühen Beschwerden.

Progesteron hat nämlich eine beruhigende, ausgleichende Seite. Es wirkt über einen Umweg auf dasselbe System im Gehirn, das auch für Entspannung und guten Schlaf zuständig ist, und es gleicht die Wirkung des Östrogens auf die Gebärmutter aus. Fällt es früh ab, kann das erklären, warum manche Frauen schon Jahre vor der ersten Hitzewallung schlechter schlafen, innerlich unruhiger werden oder eine neue Reizbarkeit an sich bemerken. Diese Frauen sind nicht „zu empfindlich“. Ihnen fehlt schlicht ein Hormon, das lange für Ruhe gesorgt hat.



In den sozialen Medien wird oft suggeriert: „Hormone rein, Problem gelöst.“ So einfach ist es vermutlich nicht. Wo liegen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer Hormontherapie?

Ich bin, das sage ich offen, eine überzeugte Befürworterin der Hormontherapie. Sie kann für viele Frauen ein Gewinn an Lebensqualität sein, den man kaum überschätzen kann: besserer Schlaf, klarerer Kopf, stabilere Stimmung, dazu der Schutz für Knochen und, richtig eingesetzt, für das Herz-Kreislauf-System. Das ist keine Kleinigkeit.

Und trotzdem ist „Hormone rein, alles gut“ eine Verkürzung, die dem Thema nicht gerecht wird. Es kommt sehr darauf an, welche Hormone, in welcher Form, zu welchem Zeitpunkt und für welche Frau. Nicht jede Beschwerde in dieser Lebensphase ist hormonell, eine Schilddrüse oder ein Eisenmangel wollen auch gesehen werden. Und Hormone ersetzen keinen Schlaf, keine Bewegung, keinen vernünftigen Umgang mit Stress; sie wirken am besten auf einem guten Fundament. Eine Hormontherapie ist ein starkes Werkzeug, aber eben ein Werkzeug, das in kundige Hände gehört, nicht ein Schalter, den man online umlegt.



Die Hormonersatztherapie hatte lange einen schlechten Ruf. Hat sich die wissenschaftliche Bewertung inzwischen verändert? Welche Aussagen gelten heute als überholt?

Sie hat sich grundlegend verändert, und das ist eine der wichtigsten Botschaften dieses Gesprächs. Der schlechte Ruf geht fast vollständig auf eine einzige große Studie zurück, die Women’s Health Initiative aus dem Jahr 2002. Ihre vorzeitig veröffentlichten Ergebnisse gingen damals als Schlagzeile um die Welt: Hormone erhöhen das Brustkrebsrisiko. Die Folge war eine regelrechte Panik, und die Verordnungen brachen über Nacht ein.

Schaut man genauer hin, zeigt sich ein anderes Bild. In dieser Studie wurden sog. konjugierte Stutenöstrogene zusammen mit einem synthetischen Gestagen eingesetzt, also gerade nicht die körperidentischen Hormone, die wir heute bevorzugt verwenden. Vor allem aber war die untersuchte Gruppe im Schnitt 63 Jahre alt, zwei Drittel der Frauen waren über sechzig, also viele Jahre nach der Menopause. Man hat die Hormone also überwiegend Frauen gegeben, die längst jenseits des Zeitfensters waren, in dem sie den größten Nutzen bringen. Und das vielzitierte Brustkrebssignal war in dieser Auswertung nicht einmal statistisch gesichert. Im reinen Östrogen-Arm der Studie, bei Frauen ohne Gebärmutter, zeigte sich sogar eher ein geringeres Brustkrebsrisiko.

Spätere, nach Alter aufgeschlüsselte Auswertungen haben das bestätigt und die sogenannte Timing-Hypothese begründet: Wird die Therapie vor dem sechzigsten Lebensjahr und innerhalb von etwa zehn Jahren nach der Menopause begonnen, überwiegt für die meisten Frauen der Nutzen deutlich. Als überholt gilt heute also der pauschale Satz „Hormone machen Brustkrebs, Finger weg“. Wie sehr sich der Wind gedreht hat, zeigt der Blick über den Atlantik: Im November 2025 hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die alten Warnhinweise, den berüchtigten „Black Box“-Aufdruck, von den Hormonpräparaten für die Wechseljahre entfernt und angekündigt, künftig auf den frühen, rechtzeitigen Beginn und die langfristigen Vorteile hinzuweisen. Das ist eine bemerkenswerte Kehrtwende. Umso mehr wundert es mich, dass wir in Deutschland an diesem Punkt noch so zögerlich sind.



Kritiker warnen vor Brustkrebs oder Thrombosen, Befürworter sprechen von einem wichtigen Baustein für gesundes Altern. Wie ordnen Sie Risiken und Nutzen auf Basis der aktuellen Studienlage ein?

Ehrlich und ohne beide Seiten zu bemänteln. Ja, es gibt Risiken, aber sie sind kleiner und differenzierter, als das alte Bild glauben macht. Beim Brustkrebs kommt es sehr darauf an, was man verwendet und wie lange. Reines Östrogen verhält sich anders als eine Kombination, und ein körperidentisches Progesteron anders als ein synthetisches Gestagen. Wo überhaupt ein Anstieg messbar ist, bewegt er sich in einer Größenordnung, wie sie auch von Alltagsfaktoren wie regelmäßigem Alkohol oder deutlichem Übergewicht ausgeht. Das relativiert nichts, aber es ordnet ein.

Beim Thromboserisiko ist die entscheidende Unterscheidung der Weg in den Körper. Das Risiko hängt vor allem an geschlucktem Östrogen, das durch die Leber muss. Über die Haut zugeführtes Östrogen, als Gel oder Pflaster, trägt dieses Risiko nach heutiger Datenlage kaum. Allein diese Feinheit verändert die Nutzen-Risiko-Rechnung erheblich, und sie war im pauschalen Alarm der Nullerjahre komplett untergegangen.

Dem gegenüber steht ein realer Nutzen: verlässliche Linderung der Beschwerden, ein gut belegter Schutz vor Knochenschwund und, bei rechtzeitigem Beginn, ein wahrscheinlicher Vorteil fürs Herz-Kreislauf-System. Für mich ist die Hormontherapie deshalb ein wichtiger Baustein für gesundes Altern, kein Wundermittel, aber ein starker Baustein. Entscheidend ist die Individualisierung: der richtige Zeitpunkt, die richtige Form, die passende Frau. Es gibt Konstellationen, in denen ich zurückhaltend bin, etwa nach bestimmten Krebserkrankungen. Deshalb gehört jede solche Entscheidung in ein persönliches ärztliches Gespräch und nicht in ein Rezept von der Stange.



Sie beschäftigen sich intensiv mit Longevity. Welche Rolle spielen Östrogen und Progesteron aus Ihrer Sicht für Gehirn, Herz-Kreislauf-System, Muskeln und Knochen, also weit über Hitzewallungen und Schlafstörungen hinaus?

Genau hier wird es aus Longevity-Sicht spannend, denn diese Hormone sind an fast allem beteiligt, was darüber entscheidet, wie wir altern. Am Knochen ist der Zusammenhang am besten belegt: Östrogen bremst den Abbau, sein Wegfall beschleunigt die Osteoporose, und rechtzeitige Hormongabe kann dem nachweislich entgegenwirken. Am Herz-Kreislauf-System hält Östrogen die Gefäße geschmeidig und wirkt sich günstig auf die Blutfette aus, weshalb bei frühem Beginn ein Schutz plausibel ist.

Am Muskel geht es um mehr als Kraft: Muskulatur ist ein Stoffwechselorgan, und der Hormonabfall begünstigt ihren Verlust, was wiederum Stürze, Zucker und Gebrechlichkeit im Alter beeinflusst. Und am Gehirn, dem spannendsten und zugleich unsichersten Feld, gibt es gute Hinweise auf eine schützende Wirkung, gerade wenn früh begonnen wird, auch wenn ich hier bewusst vorsichtig formuliere, weil die Datenlage noch nicht abschließend ist. Kurz gesagt: Wer über gesundes Altern von Frauen spricht und die Hormone ausklammert, lässt einen der größten Hebel liegen.



Kann eine Hormontherapie tatsächlich dazu beitragen, gesund älter zu werden, oder wird ihr im Longevity-Kontext manchmal mehr zugeschrieben, als wissenschaftlich belegt ist?

Beides ist wahr, und beides muss man aushalten. Ja, sie kann einen echten Beitrag leisten, für die Knochen ist das gut belegt, für die Beschwerden und die Lebensqualität ohnehin, für Herz und womöglich Gehirn spricht bei richtigem Timing vieles dafür. Das ist kein kleiner Nutzen.

Und trotzdem warne ich vor der Übertreibung, die gerade in der Longevity-Szene mitschwingt, als sei ein Hormonpflaster der Schlüssel zur Unsterblichkeit. Das ist es nicht. Die Hormontherapie ist ein Baustein, kein Elixier. Sie entfaltet ihren Wert im Zusammenspiel mit Muskeltraining, gutem Schlaf, vernünftiger Ernährung und Stressregulation, nicht als Ersatz dafür. Meine Haltung ist da unbequem geradlinig: mutig verordnen, wo es sinnvoll ist, und zugleich ehrlich bleiben, wo der Beleg endet. Beides gehört zusammen.



Abgesehen von Hormonen: Welche Stellschrauben unterschätzen Frauen am meisten? Welche Rolle spielen Krafttraining, Ernährung, Schlaf und Stressmanagement tatsächlich?

Die mit Abstand am meisten unterschätzte Stellschraube ist das Krafttraining. Viele Frauen sind mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, Ausdauer sei gesund und Gewichte seien etwas für Männer. Dabei ist gerade der Muskel in dieser Lebensphase Gold wert: Er stützt den Knochen, stabilisiert den Zuckerstoffwechsel, hält uns aufrecht und beweglich bis ins hohe Alter. Zwei- bis dreimal pro Woche gezielt die Muskeln fordern, mit dem eigenen Körpergewicht oder mit Gewichten, ist für Frauen ab vierzig eine der wirksamsten Investitionen überhaupt. Dazu gehört genügend Eiweiß, das viele deutlich unterschätzen.

Schlaf und Stress sind die zweite große Baustelle, und beide hängen eng mit den Hormonen zusammen. Chronischer Stress hält den Cortisolspiegel oben und verschärft fast alles, was in dieser Phase ohnehin ins Rutschen kommt. Ein kleiner, konkreter Anfang, der nichts kostet: in dieser Woche drei bewusste Pausen am Tag einplanen, in denen Sie wirklich abschalten, ohne Handy, ohne „nur schnell noch“. Das klingt unspektakulär, wirkt aber messbar auf das Stresssystem. Hormone und Lebensstil sind keine Konkurrenten. Sie sind ein Team.



Zum Schluss: Wenn jede Frau mit Anfang vierzig ein Gespräch mit Ihnen führen könnte, welche drei Botschaften würden Sie ihr unbedingt mitgeben?

Erstens: Informieren Sie sich früh. Die Perimenopause kann schon Ende dreißig/Anfang vierzig beginnen, und das ist völlig normal. Wer versteht, was gerade passiert, verliert die Angst davor und kann handeln, statt sich zu wundern.

Zweitens: Ihre Beschwerden sind echt, und sie sind oft hormonell. Lassen Sie sich nicht abwimmeln mit „das ist eben das Alter“. Suchen Sie sich jemanden, der Ihnen zuhört und Sie ernst nimmt, und bleiben Sie beharrlich, bis Sie das finden.

Und drittens: Diese Phase ist eine Chance, nicht nur ein Verlust. Die Weichen, die Sie jetzt stellen, mit Bewegung, Muskeln, Schlaf und, wo es sinnvoll ist, einer gut abgewogenen Hormontherapie, tragen Sie durch die nächsten Jahrzehnte. Es geht nicht darum, diese Jahre zu überstehen. Es geht darum, möglichst lange möglichst gut zu leben.

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