Überall hören wir von toxischen Beziehungen, traumatischen Erlebnissen und Triggerpunkten. Der entspannte Umgang mit diesen Begriffen schafft es zwar, das Thema psychische Gesundheit aus der Tabuzone zu holen, doch viele verwechseln Selbstreflexion mit Selbstdiagnose.
Wer heute durch TikTok scrollt, begegnet in wenigen Minuten einer ganzen Reihe psychologischer Diagnosen. Da wird der schwierige Chef zum Narzissten, Liebeskummer zum Trauma und jede unangenehme Erfahrung zum Trigger.
Das Problem ist nicht, dass über psychische Gesundheit gesprochen wird. Im Gegenteil! Lange Zeit wurden in Deutschland Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen unter den Teppich gekehrt. Da ist es ein großer Fortschritt, dass vor allem junge Menschen heute offener über ihre Gefühle reden. Problematisch wird es allerdings, wenn therapeutische Fachbegriffe ihren eigentlichen Sinn verlieren.
Denn ein Trauma ist nicht einfach eine schlechte Erfahrung. Ein Trigger ist nicht jede Situation, die unangenehme Gefühle auslöst. Und Narzissmus ist keine Beschreibung für egoistisches Verhalten, sondern eine komplexe Persönlichkeitsstörung.
Doch warum werden diese Begriffe plötzlich so inflationär in den Mund genommen? Die Antwort liegt in den sozialen Medien. Denn hier geht es um emotionale Postings, persönliche Momente und einen Wiedererkennungswert. Da passen psychologische Inhalte perfekt in die Planung. Vor allem, wenn Videos mit Überschriften wie “5 Anzeichen, dass du traumatisiert bist”, “Daran erkennst du einen Narzissten” oder “Wenn du diese Dinge tust, hast du wahrscheinlich ADHS” Klicks bringen oder sogar viral gehen.
Das Problem, das sich dahinter verbirgt, sind nicht die Menschen, die es erstellt haben, oder diejenigen, die es aufrufen. Vielmehr geht es um den Fakt, dass Psychologie (leider!) nicht in 30 Sekunden funktioniert.
Eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen analysierte 177 deutschsprachige TikTok-Videos zu ADHS, Depressionen, Autismus, Angststörungen, Narzissmus und posttraumatischen Belastungsstörungen mit insgesamt rund 94 Millionen Aufrufen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur 19 Prozent der Inhalte wurden als fachlich korrekt eingestuft. Ein Drittel enthielt falsche Informationen, weitere Beiträge waren stark verallgemeinert oder basierten ausschließlich auf persönlichen Erfahrungen. Besonders häufig fanden die Forscher:innen problematische Darstellungen beim Thema Narzissmus.
Was Social Media besonders wirksam macht, ist die Illusion der Wiedererkennung. Fast alle von uns kennen Konzentrationsprobleme, soziale Unsicherheiten oder emotionale Krisen. Werden psychische Erkrankungen über vereinfachte Checklisten erklärt, bekommt man oft das Gefühl: „Die reden doch über mich!“ Und genau davor warnen Psycholog:innen seit Jahren.
Die britischen Bildungs-Psychologinnen Alma Foster und Natasha Ellis beschreiben in einer vielbeachteten Analyse, wie Tik Tok-Inhalte dazu führen, dass Selbstdiagnosen gestellt werden. Junge Nutzer:innen identifizieren sich mit einzelnen Symptomen oder Alltagserfahrungen und ziehen daraus den Schluss, an einer psychischen Störung zu leiden. Und zwar ohne es professionell abklären zu lassen.
Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass die Betroffenen sich ihre Probleme einbilden. Vielmehr zeigt es, wie stark vereinfachte psychologische Erklärungen die Selbstwahrnehmung beeinflussen können.
Vielleicht liegt hier die größte Gefahr der neuen „Therapie-Sprache“. Denn diese vermitteln oft den Eindruck, dass man nur psychisch gesund sein kann, wenn man keine negativen Gefühle verspürt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.
Trauer nach einer Trennung, Angst vor einer Prüfung, Stress im Beruf oder Unsicherheit in einer Lebenskrise sind zunächst normale menschliche Erfahrungen. Immerhin definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die psychische Gesundheit ausdrücklich auch über die Fähigkeit, mit den Belastungen des Lebens umgehen zu können.
Wer jede Belastung sofort pathologisiert, läuft Gefahr, normale emotionale Prozesse als Krankheit zu interpretieren.
Allerdings wäre es auch ein Fehler, die neue Therapie-Sprache pauschal zu verteufeln. Denn viele Menschen haben durch Social Media überhaupt erst gelernt, ihre Gefühle klar zu benennen oder Warnzeichen psychischer Erkrankungen ernst zu nehmen. Expert:innen weisen darauf hin, dass die öffentliche Sichtbarkeit psychischer Gesundheit dazu beiträgt, Scham abzubauen und die Bereitschaft zu erhöhen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen ist deshalb ein Erfolg – und kein Problem. Denn Letzteres beginnt erst, wenn Aufklärung durch Vereinfachung ersetzt wird.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Eine Diagnose entsteht nicht durch fünf Symptome in einem Video. Sie basiert auf wissenschaftlichen Kriterien, ausführlichen Gesprächen und professioneller Einordnung.
Social Media kann Aufmerksamkeit schaffen und Betroffenen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Es kann Menschen dazu bewegen, Hilfe zu suchen. Aber TikTok ist kein Therapiezimmer. Und genau daran sollten wir uns erinnern, bevor wir den nächsten Konflikt als Trauma, den oder die Ex als Narztist:in und schlechte Stimmung als psychische Störung bezeichnen.
Überall hören wir von toxischen Beziehungen, traumatischen Erlebnissen und Triggerpunkten. Der entspannte Umgang mit diesen Begriffen schafft es zwar, das Thema psychische Gesundheit aus der Tabuzone zu holen, doch viele verwechseln Selbstreflexion mit Selbstdiagnose.
Wer heute durch TikTok scrollt, begegnet in wenigen Minuten einer ganzen Reihe psychologischer Diagnosen. Da wird der schwierige Chef zum Narzissten, Liebeskummer zum Trauma und jede unangenehme Erfahrung zum Trigger.
Das Problem ist nicht, dass über psychische Gesundheit gesprochen wird. Im Gegenteil! Lange Zeit wurden in Deutschland Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen unter den Teppich gekehrt. Da ist es ein großer Fortschritt, dass vor allem junge Menschen heute offener über ihre Gefühle reden. Problematisch wird es allerdings, wenn therapeutische Fachbegriffe ihren eigentlichen Sinn verlieren.
Denn ein Trauma ist nicht einfach eine schlechte Erfahrung. Ein Trigger ist nicht jede Situation, die unangenehme Gefühle auslöst. Und Narzissmus ist keine Beschreibung für egoistisches Verhalten, sondern eine komplexe Persönlichkeitsstörung.
Doch warum werden diese Begriffe plötzlich so inflationär in den Mund genommen? Die Antwort liegt in den sozialen Medien. Denn hier geht es um emotionale Postings, persönliche Momente und einen Wiedererkennungswert. Da passen psychologische Inhalte perfekt in die Planung. Vor allem, wenn Videos mit Überschriften wie “5 Anzeichen, dass du traumatisiert bist”, “Daran erkennst du einen Narzissten” oder “Wenn du diese Dinge tust, hast du wahrscheinlich ADHS” Klicks bringen oder sogar viral gehen.
Das Problem, das sich dahinter verbirgt, sind nicht die Menschen, die es erstellt haben, oder diejenigen, die es aufrufen. Vielmehr geht es um den Fakt, dass Psychologie (leider!) nicht in 30 Sekunden funktioniert.
Eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen analysierte 177 deutschsprachige TikTok-Videos zu ADHS, Depressionen, Autismus, Angststörungen, Narzissmus und posttraumatischen Belastungsstörungen mit insgesamt rund 94 Millionen Aufrufen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur 19 Prozent der Inhalte wurden als fachlich korrekt eingestuft. Ein Drittel enthielt falsche Informationen, weitere Beiträge waren stark verallgemeinert oder basierten ausschließlich auf persönlichen Erfahrungen. Besonders häufig fanden die Forscher:innen problematische Darstellungen beim Thema Narzissmus.
Was Social Media besonders wirksam macht, ist die Illusion der Wiedererkennung. Fast alle von uns kennen Konzentrationsprobleme, soziale Unsicherheiten oder emotionale Krisen. Werden psychische Erkrankungen über vereinfachte Checklisten erklärt, bekommt man oft das Gefühl: „Die reden doch über mich!“ Und genau davor warnen Psycholog:innen seit Jahren.
Die britischen Bildungs-Psychologinnen Alma Foster und Natasha Ellis beschreiben in einer vielbeachteten Analyse, wie Tik Tok-Inhalte dazu führen, dass Selbstdiagnosen gestellt werden. Junge Nutzer:innen identifizieren sich mit einzelnen Symptomen oder Alltagserfahrungen und ziehen daraus den Schluss, an einer psychischen Störung zu leiden. Und zwar ohne es professionell abklären zu lassen.
Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass die Betroffenen sich ihre Probleme einbilden. Vielmehr zeigt es, wie stark vereinfachte psychologische Erklärungen die Selbstwahrnehmung beeinflussen können.
Vielleicht liegt hier die größte Gefahr der neuen „Therapie-Sprache“. Denn diese vermitteln oft den Eindruck, dass man nur psychisch gesund sein kann, wenn man keine negativen Gefühle verspürt. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.
Trauer nach einer Trennung, Angst vor einer Prüfung, Stress im Beruf oder Unsicherheit in einer Lebenskrise sind zunächst normale menschliche Erfahrungen. Immerhin definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die psychische Gesundheit ausdrücklich auch über die Fähigkeit, mit den Belastungen des Lebens umgehen zu können.
Wer jede Belastung sofort pathologisiert, läuft Gefahr, normale emotionale Prozesse als Krankheit zu interpretieren.
Allerdings wäre es auch ein Fehler, die neue Therapie-Sprache pauschal zu verteufeln. Denn viele Menschen haben durch Social Media überhaupt erst gelernt, ihre Gefühle klar zu benennen oder Warnzeichen psychischer Erkrankungen ernst zu nehmen. Expert:innen weisen darauf hin, dass die öffentliche Sichtbarkeit psychischer Gesundheit dazu beiträgt, Scham abzubauen und die Bereitschaft zu erhöhen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen ist deshalb ein Erfolg – und kein Problem. Denn Letzteres beginnt erst, wenn Aufklärung durch Vereinfachung ersetzt wird.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Eine Diagnose entsteht nicht durch fünf Symptome in einem Video. Sie basiert auf wissenschaftlichen Kriterien, ausführlichen Gesprächen und professioneller Einordnung.
Social Media kann Aufmerksamkeit schaffen und Betroffenen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Es kann Menschen dazu bewegen, Hilfe zu suchen. Aber TikTok ist kein Therapiezimmer. Und genau daran sollten wir uns erinnern, bevor wir den nächsten Konflikt als Trauma, den oder die Ex als Narztist:in und schlechte Stimmung als psychische Störung bezeichnen.